Was bringt mir die Musik-Meditation?
Musik-Meditation - was ist das eigentlich? Woher kommt diese Meditationsform und wie wirkt sie? Michael Swiatkowski, Leiter unserer Musik-Meditations-Kurse im Kloster Neustift und in der Benediktinerabtei Ottobeuren, erklärt Ihnen, worum es geht. Zurück zur vorherigen Seite Die Musikkurse, die SKR im Kloster Neustift und in der Benediktinerabtei Ottobeuren anbietet, führen in die Meditation mit klassischer Musik ein. Gegenstand der Meditation sind ausgewählte Meisterwerke der Musik von der Gregorianik bis zur Moderne. Als Musikpädagoge möchte ich den Teilnehmern helfen, meditative Werke großer Musik so bewusst wie möglich zu erleben.
Wenn wir z.B. das Adagio aus Beethovens 9. Sinfonie oder das Larghetto aus seinem Violinkonzert wirklich bewusst erleben, dann verwandelt sich unser Hören ganz natürlich in tiefe Meditation. Die großen Meisterwerke sind ja Klang gewordene Meditationen. Im Innersten der Künstler haben sie sich gebildet und Innerstes ist in ihnen ausgesagt. Durch ein bewusstes Hören nehmen wir teil an der Meditation des Künstlers. Wir lassen uns von ihren musikalischen Gedanken durchdringen und öffnen uns der Ruhe, Kraft und Weisheit ihrer Werke. Immer wieder äußern Klassikliebhaber, dass sich in der Musik letzte Tiefen des Daseins offenbaren können. Arthur Schopenhauer zum Beispiel behauptete: „Keine Kunst wirkt auf den Menschen so unmittelbar, so tief wie die Musik, eben weil keine uns das wahre Wesen der Welt so tief und unmittelbar erkennen lässt “. Dies bestätigt uns Goethe, der nach dem Hören von Musik Bachs an Zelter schrieb: „… dort war mir zuerst, bei vollkommener Gemütsruhe und ohne innere Zerstreuung, ein Begriff von eurem Großmeister geworden. Ich sprach´s mir aus: als wenn die ewige Harmonie sich mit sich selbst unterhielte, wie sich´s etwa in Gottes Busen, kurz vor der Weltschöpfung, möchte zugetragen haben. So bewegte sich´s auch in meinem Innern, und es war mir, als wenn ich weder Ohren, am wenigsten Augen, und weiter keine übrigen Sinne besäße noch brauchte“.
Die Süddeutsche Zeitung hat kürzlich der Musik eine Titelgeschichte gewidmet, und zwar in ihrem Magazin „Wissen“, das Anfang Januar 06 erschienen ist. Der Redakteur des Magazins, Patrick Illinger schreibt: „Musik ist, so haben wir unsere Titelgeschichte überschrieben, die Essenz des Menschseins“. In dem Artikel wird uns dann erklärt, dass der Homo sapiens sich erst durch Musik entwickeln konnte. Rhythmus und Klang haben ihm dazu Kraft und Intelligenz gegeben. Der Mensch kann ohne Musik nicht existieren. Sie ist gemeinschaftsbildend, führt die Menschen zusammen, macht sie sozial und überlebensfähig. Auf Klänge geht jede menschliche Kommunikation zurück. Dabei ähneln sich Musik und Sprache. Das belegen EEG-Studien am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognition und Neurowissenschaften. Komponierte Tonfolgen lösen nahezu identische Muster der Hirnaktivität aus wie gesprochene Sätze.
Ganz wesentliche Botschaften kann die Musik allerdings viel besser ausdrücken als Worte. Inhalte wie Glück, Liebe oder Schmerz, die sprachlich nur undeutlich definiert sind, können durch Musik viel leichter vermittelt werden. Sie ist die Sprache des Herzens, die ausdrückt, was nicht gesagt werden kann, worüber es aber unmöglich ist zu schweigen. Sie sagt mehr als tausend Worte. Die innersten Regungen der Seele bringt sie zum Ausdruck, so dass wir uns im Spiegel der Töne selbst erkennen können. Darüber hinaus kann uns Musik mit dem Numinosen verbinden und in uns die Ahnung unsichtbarer Mächte erwecken. Aus diesem Grunde ist sie seit jeher von wichtigster Bedeutung für die verschiedensten Kultgemeinschaften der Völker. Diese wiederum waren ursprünglich die Keimzellen kultureller und zivilisatorischer Entwicklung. So hat Musik uns schon in frühesten Zeiten als soziale Wesen geformt und unsere Entwicklung bestimmt.
Das Magazin der Süddeutschen geht auch auf die heilende Wirkung der Musik ein. Musik hören und machen kann mehr als alle anderen geistigen Tätigkeiten unsere Hirnstrukturen und die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns beeinflussen. Die Ergebnisse der modernen Hirnforschung belegen, dass Musik außergewöhnliche Reaktionen im Hirn hervorruft. Die Zentren für Lernen, Gedächtnis, Kreativität und Emotionen werden aktiviert und so umfassend angeregt, wie es keine andere Tätigkeit schafft. Das wohl erstaunlichste Ergebnis: Musik kann unser Hirn massiv verändern, so dass sich zusätzliche Hirnzellen bilden, die z.B. vor Schlaganfall und altersbedingter Demenzerkrankung schützen.
Längst hat sich Musik als Therapeutikum bewährt. Untersuchungen belegen, dass der Pegel der Stresshormone Adrenalin und Cortisol mit beruhigender Musik um bis zu 20 Prozent gesenkt werden kann. In vielen Krankenhäusern gehört der Einsatz von Musik bereits zum Standartprogramm. Die Patienten brauchen weniger Narkosemittel, wenn sie vor oder während einer Operation Musik hören. Beruhigende Musik besitzt nachweislich positiven Einfluss auf Atem und Herzschlag, Blutdruck und Gehirnwellen. Sie beeinflusst auch die Magenkontraktion, reduziert Ängste und Schmerzen und setzt den Sauerstoffverbrauch herab.
Frei von Nebenwirkungen erweist sie sich als wirksam bei der Geburtshilfe, bei Depressionen, Herz-Kreislaufstörungen, Migräne, bei Einschlafstörungen, bei der Beschleunigung postoperativer Heilungsprozesse, bei geriatrischen Behandlungen und Alzheimer, bei Lernbehinderungen und bei der Verminderung von Stress. Musik kann uns nicht nur beruhigen sondern auch vitalisieren und unsere Lebensenergie anregen.
Mittlerweilen liegen zuverlässige Beweise dafür vor, dass Musik eine reproduzierbare Wirkung ausübt und über wertvolle therapeutische Eigenschaften verfügt. Dies ist vor allem Dr. med. Ralph Spintge zu verdanken. Er ist leitender Abteilungsarzt des Sportkrankenhaus Hellerson, Professor für Musikmedizin der Musikhochschule Hamburg, Vorsitzender der „International Society of MusicMedicine (ISMM)“ und Professor am „Institute for Music Research“ der Universität von Texas in San Antonio. Auf seine Initiative hin wurden verschiedene Musik-Programme praktisch angewendet und standardisiert. Ihre Wirkung wurde bei über 100 000 Patienten weltweit schriftlich beurteilt. Dr. med. Spintge erklärt: „Musik ist als angst- und schmerzlösendes Therapeutikum inzwischen in der klinischen Medizin eingeführt. Dies war möglich, weil in klinisch-kontrollierten Studien, ähnlich denen, wie sie für Medikamentenprüfungen durchgeführt werden, nachgewiesen werden konnte, dass spezielle Musik den Anwendungskriterien eines Medikamentes genügen.“
In einem Raum der Stille und Geborgenheit kann sich die harmonisierende Wirkung der Musik besonders gut entfalten. In der beschaulichen Atmosphäre eines Klosters sind die Voraussetzungen für ein entspanntes und bewusstes Hören natürlich besser als in einem Krankenhaus. Unterstützend sind dabei gezielte Bewegungsübungen der Yogapraxis. Schon vor vielen Jahren habe ich gemeinsam mit dem Mediziner und Yogalehrer Dr. med. Ulrich Koch eine Reihe von Entspannungs- und Körperübungen erprobt, die ein meditatives Hören vorbereiten. Die Übungen sind leicht und eignen sich zur Primärprävention. Mit phantasievollen Namen lassen sich auch Kinder für die Übungen begeistern, für den „Baum“, für die „Schwalbe“, die „Katze“, den „Hund“ oder die „Kobra“ zum Beispiel. Es sind gezielte Entspannungs-, Dehnungs- und Kräftigungsübungen, die eine gesunde Haltung fördern. Sie unterstützen ein ganzheitliches Musikerlebnis in ruhevoller Wachheit. Meine Kurse im Kloster werden von der DAK Memmingen besonders unterstützt. Die Teilnehmer erhalten von der DAK kostenloses Kursmaterial. Buchautor Dieter Beh, stellvertretende Leiter des „Therapeutischen Bewegungszentrums der Waldburg-Zeil-Klinik Isny“, wirkt bei manchen Kursen mit und steht mir beratend zur Seite.
Die Kursteilnehmer verbringen meistens eine ganze Woche im Kloster, um sich der Musik-Meditation zu widmen. Dadurch kann sich in der Gruppe eine besonders herzliche Atmosphäre entwickeln. Dies erleichtert mir meine Aufgabe, ein bewusstes, verstehendes Hören klassischer Musik zu fördern. Mit Begeisterung vertiefen wir uns in die Geheimnisse großer Musik, entdecken ihre Gesetzmäßigkeiten und erforschen ihre Tiefen. Je klarer wir die Form der Musik erkennen, desto besser verstehen wir ihren Inhalt. So erweist sich die Musik-Meditation als eine Übung der Achtsamkeit und eine Schule des Hörens. Oftmals sagen mir Teilnehmer, dass sie nach einigen Tagen unsere „Trainingsmusik“ rein innerlich hören, zum Beispiel beim Spaziergang im Wald oder vor dem Einschlafen. Sie machen die Erfahrung, dass die Musik sie angenehm begleitet und ihnen innerlich präsent ist. Nun was hat dann die Musik-Meditation gebracht? Am besten lässt sich dies wohl mit poetischen Worten andeuten:
"O Musik! Eine Melodie fällt dir ein, du singst sie ohne Stimme, nur innerlich, durchtränkst dein Wesen mit ihr, sie nimmt von allen deinen Kräften und Bewegungen Besitz - und für die Augenblicke, die sie in dir lebt, löscht sie alles Zufällige, Böse, Rohe, Traurige in dir aus, lässt die Welt mitklingen, macht das Schwere leicht und das Starre beflügelt!"
(Hermann Hesse)
Ja, wenn uns eine Melodie so ganz erfasst und erfüllt, dann hebt die Welt an zu singen. Musik ist gleichsam die Harmonie des Universums im Kleinen.
Im Menschen, als Teil des Universums, zeigen sich harmonische und disharmonische „Akkorde“ in seiner Schwingung, seinem Puls, seinem Herzschlag, seinem Rhythmus und Ton. Seine Gesundheit oder Krankheit, seine Freude oder seine Verstimmung zeigen an, ob sein Leben Musik hat oder nicht.
Als spirituelle Hilfe ist Musik für uns von unüberschätzbaren Wert. Das Wunderbare an ihr ist, dass wir durch sie unabhängig von begrifflichem Denken zu Konzentration und Meditation gelangen.
Autor: Michael Swiatkowski vom 24.01.2006
Reisetipp:
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