Bewussteres Reisen
Manchmal nimmt mir der Alltag die Leichtigkeit des Seins.
So halte ich inne, trete einen Schritt zurück und verreise.
Doch was hat die Fremde mit meinem täglichen Leben zu tun?
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Ich reise. Zum Beispiel auf den Sinai nach Ägypten. Ich sehe Beduinen in ihrer Jahrtausende alten Tradition, wie sie in einem oasengleichen Beduinengarten unter Sternen zusammensitzen, Tee trinken, dessen Minzblätter im Wadi gepflückt wurden, und wie sie sich mit der Gelassenheit der Wüste über Glück und Leid der Familie austauschen. Ich bin mir dessen „bewusst“ – ich kann es sehen.
Das Rote Meer umschliesst warm meine Beine, dann meinen Bauch, meine Brust, meine Arme und schliesslich versenkt sich auch mein Kopf samt Taucherbrille in der wundersamen Welt auf der anderen Seite der Wasseroberfläche: charmante Fächerkorallen winken mich wiegend herein; wie in einer bunten Fantasiewelt begegnen mir der majestätische Einhornfisch und ein paar verspielte Anemonenfische. Beim Verlassen dieses Traumes weint mir der Picassofisch eine Träne nach. Ich bin mir dessen „bewusst“ – ich kann es sehen und spüren.
Die schmalen Bergpfade im Hochgebirge des Sinai wurden vor über 1500 Jahren von Einsiedlern erschaffen. Heute wandere ich auf ihren Spuren in derselben Stille auf den Mosesberg, einheimische Gewürzdüfte liegen in der trockenen Wüstenluft – Majoran, Minze und andere machen mir Appetit auf das von Beduinen zubereitete Abendessen unter den Sternen. Ich bin mir dessen „bewusst“ – ich kann es sehen, spüren, riechen und schmecken.
Ich reise bewusst! Wie kann ich da noch bewusster reisen?
Was heisst überhaupt „bewusst“? Ich merke, jetzt wird es philosophisch, aber das ist in Ordnung – ich bin ja im Urlaub.
Jedes handelnde Subjekt hat ein Bewusstsein, mit dessen Hilfe es sich die Aussenwelt erschliesst und so mit ihr in Aktion treten kann. Diese Aktionen können unterschiedlich ausfallen, und zwar, um ein Bild aus dem täglichen Leben zu nehmen: wie eine Einbahnstrasse oder wie eine Strasse, die beide Richtungen zulässt. Bei der Einbahnstrasse bin ich Subjekt, das handelt, und das betrachtete Objekt (Gegenstand oder Mensch), das einfach nur da ist, eventuell noch einen visuellen oder emotionalen Reiz vermittelt. Wenn das Subjekt den oder das anderen nur als Objekt begreift, kann somit keine Beziehung aufgebaut werden. Das geht ausschließlich zwischen zwei Subjekten.
Dazu muss das anderer Subjekt nicht einmal handeln. Es muss einfach nur vom Bewusstsein als Subjekt wahrgenommen werden. Allein diese „bewusstere“ Wahrnehmung reicht schon aus, um nicht nur visuell oder intellektuell mit dem Gegenüber eine Verbindung einzugehen, sondern auch seelisch eine Beziehung zuzulassen.
Beziehungen sind nicht nur lohnender als Konsum, sie sind auch anspruchsvoller. Wie wir aus dem täglichen Leben wissen, können sie anstrengender oder auch verletzend sein, wenn wir sie denn zulassen.
In der Unterwasserwelt ist alles stumm und die Fische, geschweige denn die Korallen, verstehen mich nicht. Wie soll ich denn da eine Beziehung aufbauen?
Indem ich versuche, zu verstehen. Die seit Jahrtausenden gebrauchten Fragen der Beduinen helfen mir dabei: Woher kommst Du? Wohin gehst Du?
Ich frage also das Korallenriff: Woher kommst Du? Ich erfahre, wie es aufgebaut wurde. Dass Korallen an sich nicht leben und doch wachsen. Dass in den Korallen, die nur aus Kalk bestehen, kleine Polypen sitzen, die Jahr für Jahr Plankton aus dem Wasser filtern und so das Riff um rund einen Zentimeter im Jahr wachsen lassen. Bei einem Zehn Meter Riff kann man sich leicht ausrechnen, wie lange sie gebraucht haben. Und sich bewusst machen, wie lange es dauert, einen von mir verursachten Schaden wieder zu reparieren – durch berühren, darauf stellen oder abbrechen. So kann ich mir auch die Antwort auf die andere, genau so wichtige Frage überlegen: was mit dem Riff passieren wird, wenn ich mein Verhalten nicht anpasse oder wenn ich meine Kinder nicht darauf hinweise.
Dies mag negativ oder anstrengend klingen. Das mag es sein, denn es ist die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist aber auch, dass ich zur Unterwasserwelt eine Beziehung aufgebaut habe, die belohnender und beglückender ist als es jeder Konsum sein kann.
Der Beduine
Der Beduine bereitet in seinem Beduinengarten das Abendessen für mich vor. Auch hier kann ich mich entscheiden, den einfachen oder den anspruchsvolleren, aber lohnenderen Weg zu gehen. Der einfache Weg ist nicht unbedingt der falsche und auf jeden Fall von der jeweiligen Situation abhängig. Ich nehme die beduinische Kultur über den Fotoapparat und über meinen Magen in mich auf, freue mich über den schönen Moment und darüber, dass ich Menschen finanziell etwas Gutes tun kann. So reise ich sicherlich bewusst.
Bewusster bin ich dann, wenn ich im Anderen nicht „den anderen“, sondern mich selbst erkenne und mich frage: wenn ich er wäre – was würde mich erfreuen?
Ich spreche ihn an, bedanke mich für seine Gastfreundschaft und beglückwünsche ihn zu seinem idyllischen Beduinengarten. In den tiefbraunen Augen kann ich es zuerst erkennen, dann in den kleinen Falten auf der sonnengegerbten Haut und dann überströmt das Lächeln sein ganzes Gesicht. Er bedankt sich, freut sich – wir sind im Gespräch.
So erfahre ich, dass er sehr glücklich ist, im Tourismus zu arbeiten: dort gibt es die beste Bezahlung und darüber hinaus, und das scheint ihm besonderes Glück zu bereiten, kann er auf diese Weise seine Tradition weiterführen. Ohne uns könnte er seinen Beduinengarten nicht mehr betreiben, denn gegen das billige Gemüse aus dem Norden kommt er nicht an. Seine Familie könnte nicht mehr ihre Kamele halten, denn Jeeps würden den Transport übernehmen. Wir erzählen uns von unseren Familien, dabei lassen wir uns Zeit gemäss der arabischen Gelassenheit und der Liebe zum Detail und zur Ausschmückung. Woher kommst Du, wohin gehst Du? Ich mache Fotos, die ich ihm schicken werde. Eine Beziehung ist zwischen uns entstanden. Und weil er weder Massen von Touristen abfertigen kann noch will, ist da auch Qualität: die Investition in Zeit für den anderen.
Ich erkenne: in dem Moment, in dem ich versuche, etwas mit Qualität zu tun, also Zeit und ein Stück von mir selbst investiere, in dem Moment, in dem ich nicht nur konsumiere, sondern mich ernsthaft mit etwas auseinandersetze, in dem Moment, in dem ich nicht nur physisch und intellektuell, sondern auch seelisch eine Beziehung zulasse bewege ich mich bewusster durch das Leben. Bewusster heisst sicher anspruchsvoller, aber auch lohnender. Die Belohnung ist der Einklang mit seiner Umgebung – und dadurch mit sich selbst.
Ich lehne mich innerlich zurück, kann endlich geniessen – ich bin zufrieden.
Autor:
Thomas Müller (thomas.mueller@skr.de). vom 30.05.2003
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