Samarkand, Registan

SKR Reisemagazin: Usbekistan

Reisebericht Usbekistan


SKR-Reisegäste, Usbekistan

Morgens weiß man nie, wo man abends ins Bett geht

 

Eine außergewöhnliche Begegnung an der Seidenstraße

Mitte September 2015 Die drei Autos unserer siebenköpfigen Reisegruppe aus Deutschland quälen sich durch das KURAMA-Gebirge im Osten von USBEKISTAN. Von Taschkent, der Hauptstadt, sind wir seit zwei Stunden unterwegs nach KOKAND, einem ehemaligen Handelszentrum an der Seidenstraße. Die Stadt liegt noch etwa 100 km weiter in südöstlicher Richtung im FERGANA-Tal, der fruchtbarsten Tiefebene Zentralasiens.

In einer der letzten Serpentinen vor dem KAMCHIK-Pass (2268 m) glaube ich meinen Augen nicht zu trauen: Auf der linken Fahrbahn in derselben Richtung steigen zwei Fußgänger den Berg hinauf, mitten im militärischen Sperrgebiet, das von bewaffneten Soldaten mit Stahlhelm und schwarzem Gesichtsschutz bewacht wird. Unser Fahrer fährt rechts ran, die Neugier ist groß: Was haben diese beiden einsamen Männer in dieser trostlosen Steinwüste zu suchen?

Zwei gestandene Mannsbilder stehen vor uns, beide winken uns freundlich zu: der Österreicher Christoph Obmascher (46) und Simon Näggli (39) aus der Schweiz. Sie tragen mittelgroße Rucksäcke (ca. 15 kg). Unterwegs duzt man sich ohne Förmlichkeiten. Der Tiroler Christoph trotz der Mittagshitze ohne Kopfbedeckung und Sonnenschutz trägt lediglich leichte Sportschuhe, Simon aus Wolfwil (Solothurn) in knöchelhohen Wanderstiefeln, die er „so alle 500 km von einheimischen Schustern mit Gummi runderneuern“ lässt.

Kamchick-Pass: Usbekistan

Wir erfahren eine erstaunliche Geschichte:

Beide haben sich 2009 auf dem Jakobsweg in Nordspanien kennen und schätzen gelernt und damals beschlossen, ein gemeinsames Abenteuer zu erleben, etwas „ganz Ungewöhnliches, Verrücktes“.

Im Januar 2015 war es dann so weit: Sie starteten in der Schweiz eine zwölf Monate lange Reise, die sie durch Österreich, Ungarn, den Balkan, die Türkei, schließlich entlang der ehemaligen Seidenstraße über Aserbeidschan und Kasachstan bis hier nach Usbekistan, im Herzen Zentralasiens, führte.

Als wir sieben deutschen Reisenden unsere Kameras zücken, um diese außergewöhnliche Begegnung zu dokumentieren, machen die Fernwanderer uns eindrücklich darauf aufmerksam, dass es streng verboten sei, in diesem Sperrgebiet zu fotografieren. Die Posten am letzten Checkpoint hätten alle ihre digitalen Bilder kontrolliert und sie nur weiter ziehen lassen, weil es nichts zu beanstanden gab.

In den nächsten Wochen führt ihr Weg weiter entlang der Seidenstraße durchs FERGANA-Tal wie der unsere, nur ihrer zu Fuß, unserer im PKW. Sie allerdings wollen viel weiter: quer durch KIRGISISTAN bis zum Ziel ihres Marsches, der Stadt KASCHGAR, im Westen CHINAS. Von hier im KURAMA-Gebirge etwa 900 km entfernt. Dort wollen sie im Februar ankommen. Von Westchina geht es per Bus und Bahn nach Vietnam, durch Indien, Myanmar, Thailand und Laos. Orientiert haben sie sich unterwegs mit Hilfe eines Navigationsgeräts. Ein Zelt haben sie nicht dabei, sie übernachten in billigen Hotels, oft auch privat bei Familien. „Morgens weiß man nie, wo man abends zu Bett geht.“

Simon, der Schweizer, erzählt, er habe sich die Anstrengungen und Langeweile auf der Straße dadurch erleichtert, dass er per Kopfhörer die erforderlichen Sprachen Türkisch und Russisch gelernt habe, mit Englisch, Französisch oder gar Deutsch komme man in Zentralasien nicht weit.

Im Gespräch taucht irgendwann die Frage nach dem Sinn ihrer fast 7000 km langen Wanderung auf. Simon antwortet ohne Zögern: Seit vielen Jahre unterstütze er zwei Projekte in einer armen Region in Vietnam. Sponsoren spenden für jeden zu Fuß gelaufenen Kilometer einen Geldbetrag. In diesen zwei Projekten werden vor allem vietnamesische Waisenkinder betreut, für die es in ihrer Heimat kaum Bildungschancen gebe. Schulen und Lehrer würden so finanziert.

Näheres dazu in ihrem Blog "The Walk of Our Life", der anschaulich ihren Weg mit Fotos und Texten dokumentiert.

Dieser „Walk-of-our-Life“ scheint unter einem guten Stern zu stehen:

Die beiden Weltenbummler sind von Verletzungen und Überfällen verschont geblieben. Äußerste Vorsicht sei weiterhin geboten, denn ihre Route führt zumeist an den Hauptautostraßen entlang, die Verkehrsteilnehmer in den Ländern Zentralasiens seien manchmal unberechenbar.

Mit vielen guten Wünschen für ihre restliche Reise verabschieden wir die zwei Abenteurer. Wir setzen unsere Fahrt in Richtung KAMCHIK-Pass fort, in unserem Auto ist es still: Der Mut und das Engagement der Fernwanderer haben uns sprachlos gemacht.

Eine Schafherde auf der „Autobahn“ ins Fergana Tal, Usbekistan

Ein Reisebericht von Hans-Werner Bertram, SKR-Gast

 

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